
Der Sioux Robert Alan Packard über die Indianer-Debatte und Rassismus-Vorwürfe an Karl May
Berlin/Neumünster. „Ich bin geboren und aufgewachsen im Yankton-Sioux-Indianerreservat. ebenso wie meine Eltern und Großeltern. Ich bin ein echter Indianer“, stellt sich Robert Alan Packard gleich zu Beginn vor. Vor mehr als 40 Jahren hat er seine damalige Heimat in South Dakota in den USA verlassen – und nach Zwischenstopps in Paris, Spanien und Irland in Berlin eine neue gefunden. Bis heute lebt er als Bildhauer, Modell und Schauspieler dort.

Packard ist immer dann gefragt, wenn es darum geht, indianische Kultur und Brauchtum live, in Filmen und auf Fotos zu präsentieren. Er hat das, was viele mit den klassischen Gesichtszügen der amerikanischen Ureinwohner verbinden: So wurde er zum gefragten Indianer-Darsteller, spielte beispielsweise bei „Schuh des Manitu“, „Sonnenallee“ und der Neuverfilmung von „Winnetou“ mit.
„Shake Hands“ mit einem Sioux
In Zusammenarbeit mit der Schuhmarke „Sioux“ aus Walheim lädt Nortex alle Interessierten dazu ein, sowohl Robert Alan Packard als auch das vielfältige und hochwertige Produktsortiment an Schuhmodellen kennenzulernen: Der Sioux-Indianer ist am Freitag, 21. von 12 bis 19 Uhr und Samstag, 22. Oktober, von 10 bis 16 Uhr zu Gast im Modehaus. Wer will, kann sich mit ihm austauschen und auf Wunsch ein Foto mit ihm machen.
Packard begleitet den Auftritt des Unternehmens „Sioux“ – und möchte dabei denjenigen, die noch nie einen amerikanischen Ureinwohner in ihrem Leben kennengelernt haben, die Chance dazu bieten. „Das gibt mir die Möglichkeit, persönlich meinen Stamm und mein Volk zu repräsentieren“, sagt er. Es gehe darum, einen Eindruck zu vermitteln, wie er als Mensch ist und wie er in seiner Eigenschaft als Indianer wahrgenommen werden möchte: als freundlich, nett, gesellig – und echt.
Als Indianer richtig angesprochen
Findet er den Begriff Indianer denn überhaupt ok? „Das ist eine Debatte, die eigentlich gar nicht geführt werden sollte“, so Packard. „Einfach Unsinn: Das bringt nur negative Gefühle und Energien hervor und trennt die Leute in unterschiedliche Lager.“

Er fühle sich als Indianer völlig richtig angesprochen. „In den Reservaten nennt sich jeder Indianer. Ich wurde dort in einem indianischen Krankenhaus geboren, ging auf eine indianische Schule. Ich habe sehr viele Dokumente, die mich als amerikanischen Indianer ausweisen.“ Jeder berühmte Indianer in der Geschichte habe sich selbst als solchen betrachtet. Würde die Diskussion um den Begriff diesen mit einer negativen Bedeutung versehen, dann, so Packard, „würden dadurch meine Wurzeln, meine Lebensgrundlage zerstört.“
Die Würde der Ahnen bewahren
Und noch etwas bedeutet ihm viel: „Meine Großeltern waren unter den ersten Menschen meines Volkes, die das Leben im Reservat erfahren haben. Sie haben sehr gelitten darunter. Auch sie haben sich als Indianer empfunden – und ich werde ihnen nicht die Würde rauben, indem ich behaupte, etwas anderes zu sein; das wäre respektlos, dumm und grausam.“ Niemand müsse sich darüber schämen, Indianer zu sein. Würde man den Begriff nun ächten, hätte das Folgen für die Geschichte, das Vermächtnis und das Erbe seines Volkes.
„Darüber hatte ich allerdings viele Streitgespräche mit anderen Indianern in den Staaten“, räumt Robert Alan Packard ein. Ein Großteil der Mitglieder der insgesamt 574 offiziell anerkannten Indianerstämme in den USA vertrete eine andere Meinung, beispielsweise, dass in dem Wort Indianer Rassismus läge. Der Sioux räumt ein, dass die amerikanischen Ureinwohner in den benachbarten, mit Weißen besiedelten Regionen rund um die Reservate in den USA tatsächlich systematisch benachteiligt wurden – doch in Deutschland, so Packard, habe er solches nie erlebt.
Karl May als Inspirationsquelle

Auch Karl May wird Rassismus vorgeworfen. Die Debatte darum ist nach der Neuverfilmung des Winnetou-Stoffes wieder aufgekommen. Ein begleitendes Buch zum Film wurde daraufhin wieder vom Markt genommen. Für Robert Alan Packard ist das fast so etwas wie Majestätsbeleidigung. Der 1842 geborene Schriftsteller habe, findet er, mit seinen Romanen wie „Der Schatz am Silbersee“ und „Old Surehand“ mehr für die amerikanischen Indianer getan als irgendeine andere Person in Europa.
Für den Sioux aus Berlin steht fest: „Er hat auf diese Weise so viel Interesse erzeugt an indianischer Kultur, Geschichte und Lebensweise – er hat die Menschen hier inspiriert wie sonst niemand. Thank you, Karl May!“
Stereotype Vorstellungen als Gefahr
Zu denjenigen, die eine entgegengesetzte Haltung zu dem Thema einnehmen, zählt unter anderem Carmen Kwasny. Sie ist erste Vorsitzende der „Native American Association of Germany“, kurz NAAoG. Auf dem Webportal unter www.naaog.de erläutert sie, warum: „Die Bezeichnung ‚Indianer‘ ist schon allein deshalb problematisch, weil damit in der Regel sehr viele stereotype Vorstellungen verbunden sind.“
Seit vielen Jahren weise man darauf hin, wie schädlich diese Rollenbilder seien. „Wir haben unzählige Kultur- und Bildungsveranstaltungen organisiert“, schreibt Kwasny, „und bei all diesen Bemühungen stand uns immer eine Tatsache massiv im Weg: Ein großer Teil der deutschen Bevölkerung will sich nicht von den stereotypen Vorstellungen verabschieden, mit denen liebgewonnene Kindheitserinnerungen verbunden sind.“
„Meilenweit entfernt von kolonialer Aufarbeitung“
Im zurückgezogenen Buch zum neuen Film werde ihr zufolge das Wort „Squaw“ verwendet, dass noch aus der Kolonialzeit stamme und als Bezeichnung für indigene Frauen im Sinne von „Sexobjekt“, „Hure“, „Schlampe“ und „leicht zu haben“ verwendet worden sei. Kwasny schreibt dazu auf www.naaog.de: „Schon allein deshalb gehört dieses Buch nicht auf den Markt.“ Letztlich konstatiert die Vorsitzende der NAAOG: „In den USA und Kanada sind große Veränderungen zu beobachten. Deutschland scheint noch meilenweit von einer Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit entfernt zu sein.“