Exklusiv-Interview mit Jens Sandmeier und Jurek Schwekendiek von der Fachstelle für Elektromobilität in Schleswig-Holstein in Kiel. Am Freitag, 27. September, hält Jens Sandmeier um 16 Uhr einen Vortrag rund um E-Mobilität bei Nortex.
Herr Sandmeier, Herr Schwekendiek, Hand aufs Herz: Ist der Kauf eines E-Autos heute sinnvoll?
Jurek Schwekendiek (JuS): Der Kauf ist durchaus sinnvoll, weil E-Autos lokal emissionsfrei unterwegs sind; sie sind leiser als konventionelle Fahrzeuge und in der Gesamtbilanz auch umweltfreundlicher. Wichtig ist dabei, welcher Strommix geladen wird – je grüner, desto besser.
Jens Sandmeier (JS): Man kann es so auf den Punkt bringen: Ein E-Auto ist auf jeden Fall sinnvoll, wenn das individuelle Nutzungsprofil dazu passt! Wie nutze ich das Fahrzeug? Habe ich die Möglichkeit, mit selbst erzeugtem Strom von der Photovoltaikanlage zu fahren? Kann ich beim Arbeitgeber laden? Oder gibt es sonstige Ladepunkte, die meine Anforderungen erfüllen? Wenn das Nutzungsprofil passt, ist ein E-Auto sinnvoll, da gibt es eigentlich keine zwei Meinungen.
Für wen ist ein „Stromer“ denn am besten geeignet?
JuS: Das kommt auf die konkreten Bedürfnisse an. Man muss sich (mehr als das früher der Fall war) überlegen, wofür genau man das Fahrzeug einsetzen möchte und welche Anforderungen es erfüllen muss. Dann prüft man, welches Fahrzeug dazu passt. Nur, weil ich alle fünf Jahre umziehe, kaufe ich mir ja keinen Möbelwagen. (lacht) Scherz beiseite: Viele Tests und Langzeitbetrachtungen zeigen, dass Elektrofahrzeuge funktionieren und für viele Menschen eine ernsthafte Alternative sein können.
JS: Für Berufspendler, die entweder zu Hause oder am Arbeitsplatz laden können, eignen sich Elektrofahrzeuge in der Regel sehr gut. Deutschlandweit liegt der Arbeitsweg im Durchschnitt bei rund 17 Kilometern: Das schafft ein E-Auto heute ganz locker mehrmals hintereinander, auch ohne nachzuladen. Wenn man regelmäßig Anhänger ziehen muss , ist die Auswahl an „Stromern“ noch sehr begrenzt.
Geringe Reichweite ist für viele, die für ein E-Auto sonst eher offen wären, abschreckend. Was sagen Sie denen?
JuS: Die Fahrzeuge haben sich in den letzten Jahren enorm weiterentwickelt. Heute sind Reichweiten zwischen 300 und 400 Kilometern Standard. Es gibt auch Modelle mit deutlich mehr. Viele Hersteller bieten das gleiche Fahrzeug auch mit unterschiedlicher Batteriegröße an, sodass man selbst entscheiden kann, wie viel man für eine größere Reichweite ausgeben möchte.
JS: Der sogenannte „Reichweiten-Stress“ spielt vor allem bei denen, die noch kein E-Auto fahren, eine Rolle. Besitzer von E-Autos sind diesbezüglich meist entspannter. Das ist auch eine Frage der eigenen Mentalität: Natürlich ist es für Diesel-Fahrer, die gewohnt sind, noch Treibstoff für 1000 Kilometer im Tank zu haben, ein komisches Gefühl, wenn auf der Anzeige im E-Auto plötzlich nur noch 150 Kilometer steht.

Wie geht es mit der E-Mobilität hier im Norden voran?
JuS: Der Anteil von E-Autos bei den neu zugelassenen Fahrzeugen liegt aktuell bei rund 20 Prozent. Der Ladeinfrastrukturaufbau schreitet im ganzen Land mit großen Schritten voran: Wir haben mittlerweile über 5000 öffentlich zugängliche Ladepunkte in Schleswig-Holstein, davon mehr als 1000 Schnellladepunkte. Der Leistungszuwachs von 2022 auf 2023 liegt bei 55 Prozent, inzwischen sind mehr als 170.000 KWh an Ladeleistung installiert. Und wir wissen jetzt schon, dass in den nächsten Jahren tausende Ladepunkte hinzukommen werden, viele davon sind jetzt schon in der Planung. Was man zurzeit vielerorts beobachten kann, ist die Errichtung von Ladeparks, an denen man mit 150 kW oder mehr schnell laden kann. – Die geben dem Ganzen noch einmal einen Schub.
Gibt es eine „E-Auto-Hochburg“ zwischen Nord- und Ostsee?
JuS: Die eine Hochburg gibt es nicht. In den Zulassungsbezirken Stormarn, Pinneberg, Segeberg und Rendsburg-Eckernförde sind jeweils mehr als 8.000 Elektrofahrzeuge zugelassen. Für den Ladeinfrastrukturaufbau müssen aber nicht nur die Fahrzeuge, die bei uns im Land zugelassen sind, berücksichtigt werden, sondern auch die, die sich auf der Durchreise oder während eines Urlaubs bei uns aufhalten.
Ist ein E-Auto auch im Urlaub praxistauglich?
JS: Es gibt durchaus E-Fahrzeuge, mit denen man sehr gut in den Urlaub fahren kann, die schnellladen können und eine hohe Reichweite besitzen. Da der Akku ein relevanter Kostenfaktor ist, sind dies meist Fahrzeuge im oberen Preissegment. Es kommt wieder darauf an, für welche Reisen genau man das Auto anwenden möchte. Der Komfort, die Größe des Akkus und die Ladetechnik sind wichtige Kriterien. Für eine Reise nach Sizilien müsste man auch mit einem herkömmlich angetriebenen Kleinwagen Komforteinschränkungen in Kauf nehmen.
JuS: Unabhängig vom Antrieb ist es bei jedem Fahrzeug ein Abwägen zwischen Vor- und Nachteilen. Für den einen ist die Reisegeschwindigkeit entscheidend, für den anderen sind Komfort, Kosten oder Emissionen wichtiger. Für den Alltag gilt: Das E-Auto hat viel weniger Verschleißteile als ein Verbrenner. Das können bei einem E-Auto 30, 40 Prozent Kosteneinsparung im Vergleich zum Verbrenner derselben Marke sein. Der jährliche Ölwechsel entfällt, kein Zahnriemen oder Rußpartikelfilter muss mehr ausgetauscht werden usw.
Was ist, wenn der Akku im Stau zur Neige geht?
JuS: Der ADAC hat das Verhalten von Elektrofahrzeugen im Stau getestet und festgestellt, dass der Energieverbrauch im Stand selbst im Winter relativ gering ist. Mehrere Stunden Stau sind also auch mit einem Elektroauto möglich. Aber natürlich nicht mit leerem Akku. Aber mit einem leeren Tank wird man im Stau ja auch nervös. Insbesondere im Winter muss man bei längeren Reisen Ladepausen einplanen. Ich nutze diese Zeit, um einen Kaffee zu trinken, etwas zu essen oder auf Toilette zu gehen. Das stellt für mich kein Problem dar.

Apropos: Wie benutzerfreundlich ist das Stromladen?
JuS: Wir haben in Deutschland eine große Bandbreite an Ladeinfrastruktur-Betreibern. Wenn man sich ein E-Auto zulegt, lohnt es sich, die Anbieter in der Region, in der man die Ladestationen vor allem nutzen wird, miteinander zu vergleichen. Am Ende landet man dann bei zwei, drei Anbietern, zwischen denen man wählen kann. Was noch fehlt, ist eine Harmonisierung der Preissysteme. Das Ad-hoc-Laden und Bezahlen sollte über jede Ladesäule möglich sein und funktioniert beispielsweise über den QR-Code: Weil sehr viele ein Handy haben, ist das schon benutzerfreundlich. Nur der Tarif kann sehr unterschiedlich sein, je nachdem, welche Anbieter man ausgewählt hat.
Welche Fortschritte gibt es bei der Technik von E-Autos?
JS: Das, was wir in den nächsten Jahren an Technologiesprüngen erleben werden – beispielsweise im Bereich der Akkutechnik – ist beeindruckend. Man kann mit höheren Ladeleistungen, höheren Ladegeschwindigkeiten und größere Reichweiten rechnen. Auch die partielle Nutzung des Fahrzeugs als „Heimspeicher“ rückt näher. Was bereits heute absehbar ist, dass weitere Fahrzeugsegmente -z.B. schwere Nutzfahrzeuge elektrisch unterwegs sein werden. Mit Blick auf Gesamtkosten und Energieeffizienz werden Elektrofahrzeuge langfristig die beste Option sein.
Ein Blick in die Zukunft: Wie wird unsere Mobilität in zehn Jahren aussehen?
JS: Wir werden in den nächsten zehn, fünfzehn Jahren ein paar Hunderttausend E-Autos in Schleswig-Holstein auf den Straßen haben. Das wird das öffentliche Straßenbild verändern, neben Tankstellen wird es immer mehr Ladeparks geben. Je besser heute der Ausbau der Ladeinfrastruktur voranschreitet, desto besser wird die Etablierung der Elektromobilität in den kommenden Jahren funktionieren. Das gilt für Pkw genauso wie für Busse und Lkw. In zehn Jahren wird das E-Auto außerdem nicht nur als Fahrzeug genutzt werden, sondern auch als fahrender Batteriespeicher, der nachts die ein oder andere Kilowattstunde für Verbraucher im Haus bereitstellt.
Vortrag am Freitag, 27. September
Welches E-Auto passt zum Fahrprofil? Was hat es mit dem „Reichweiten-Stress“ auf sich? Welche Ladetechnik benötigt ein modernes E-Auto? Über diese und weitere Aspekte rund um E-Mobilität spricht WTSH-Experte Jens Sandmeier bei Nortex. Sein Vortrag mit anschließender Gesprächsrunde findet am Freitag, 27. September, um 16 Uhr im Café-Bistro statt und ist kostenlos. Interessierte können sich unter Telefon 04321/8700211 oder direkt an der Kunden-Info bei Nortex anmelden.
Mehr Infos zum Thema Elektromobilität in Schleswig- Holstein finden sich auf der Internetseite des WTSH unter www.emobilitaet.sh.