
Der Abenteurer und Polarforscher Arved Fuchs ist aktuell mit der Expedition „Ocean Change 2025“ unterwegs. Im zweiten Teil eines Interviews erzählt er, wie und warum er das Reisen zur See mit Social Media verknüpft, wie der Alltag an Bord der „Dagmar Aaen“ aussieht und welche Träume und Ziele ihm wichtig sind.
Herr Fuchs, Sie segeln einerseits auf einem 24 Meter langen Holzkutter durchs Nordmeer, sind andererseits auf Social Media präsent. Analog trifft digital. Wie funktioniert das, wie wird das angenommen?

Arved Fuchs: Auf den ersten Blick scheint das ein Anachronismus zu sein. Aber wir engagieren uns auf diese Weise im Rahmen der UN-Dekade der Ozeane: Die Meere sind die größte Naturlandschaft, die wir haben, mit über 70 Prozent der Erdoberfläche. Gleichzeitig ist es die am wenigsten erforschte Region, nur vergleichsweise wenige Menschen haben einen Zugang zur hohen See. Deshalb versuchen wir über dieses Schiff, die Leute virtuell mitzunehmen auf eine Reise: Wir wollen zeigen, wie die Meere sich gerade verändern, daher der Name „Ocean Change“.
Dabei geht es natürlich um den Klimawandel, aber auch um Plastikverschmutzung, Überfischung, um die Auswirkungen auf die Küstenbevölkerung. Das sind Themen, die viele Menschen betreffen. Und wenn man junge Leute erreichen will, dann muss man sich dafür der sozialen Medien bedienen bis hin zu TikTok und Co. Aber, und das ist das Entscheidende, ohne moralischen Zeigefinger oder zu missionieren.

In Ihrem Buch „Aus Abenteuern lernen – meine Beobachtungen zum Klima“ schreiben Sie: Träume sind wichtig, weil aus ihnen Visionen und Erkenntnisse entstehen. Wie ist das gemeint?
Ich glaube, Träume sind immer der Treibsatz, um bestimmte Dinge in Gang zu setzen. Als kleiner Junge habe ich davon geträumt, zum Nordpol zu gehen und mit dem Schiff um die Welt zu segeln – und wenn dieser Traum nicht gewesen wäre, hätte ich es nie gemacht. Wenn Träume sinnvoll sind und zielstrebig verfolgt werden, kann aus ihnen schnell eine Realität werden. Deshalb ist das Träumen wichtig. Ich bin mit Büchern groß geworden. Wenn ich in diesen Büchern über alte Expeditionen las, hatte ich das Gefühl, ich wäre mitgereist. Dann habe ich mir vorgestellt, wie das wäre, wenn man selbst in dieser Situation gesteckt hätte. Insofern ist es wichtig, der eigenen Kreativität und seinen Träumen nachgeben, wenn sie moralisch vertretbar sind.
Welchem Polar-Entdecker aus der Vergangenheit messen Sie besonderen Wert zu?

Es gibt da einige, aber Sir Ernest Shackleton finde ich wirklich bemerkenswert. Er hat sein ganzes Leben der Entdeckung des Südpols gewidmet, ist dort aber nie hingekommen. Er ist jedes Mal gescheitert, nicht, weil er nicht gekonnt hätte, sondern weil die Umstände gegen ihn waren. Aber immer dann, wenn die Expedition drohte, in einer Katastrophe zu enden, ist er über sich selbst hinausgewachsen und hat es geschafft, alle seine Leute heil wieder nach Hause zu bringen. Das hat mich wirklich fasziniert.

Heute würden wir vielleicht sagen, dass er ein Krisenmanager war, der es geschafft hat, seine Leute zu motivieren – auch in verzweifelten, aussichtslosen Situationen. Mich interessiert dabei rein menschlich: Wie gelingt es, auch in der Krise den eigenen Prinzipien treu und menschlich zu bleiben? Und nicht mehr von seinem Team zu verlangen, als man selbst bereit ist zu geben und zu sein?

Die „Dagmar Aaen“ ist das erste Schiff weltweit, das sowohl die Nordost- als auch Nordwest-Passage durchquert hat. Gab es schon mal besonders brenzlige Situationen?
Sicher, es gab schon gefährliche Situationen. Das ist eben die Herausforderung: Wir sind nicht mit einem Eisbrecher unterwegs, sondern mit einem hölzernen, eisverstärkten Segelschiff. Aber ein schwerer Sturm kann ebenso am Kap Hoorn, oben im Nordatlantik oder auch in der Ostsee unangenehm werden.

Als Crew sind wir es gewohnt, mit den Gefahren auf hoher See umzugehen. Das ist die Philosophie, die dahintersteht: Heute stellt sich nicht die Frage, ob ich irgendwo an einen Punkt der Erde komme. Es geht eher darum, wie ich dorthin komme. Und gerade in der Langsamkeit des Reisens mit der „Dagmar Aaen“ liegt ein Erlebnis, eine besondere Intensität und Dichte.
Wie sieht der Alltag an Bord der „Dagmar Aaen“ aus?

Ach, das kann ganz entspannt sein. Manche spielen an Deck Gitarre, wenn das Wetter schön ist, oder es wird ein bisschen Wartung am Schiff gemacht. Man nimmt sich auch mal ein Buch und liest einfach. Es ist nicht jeden Tag Spannung und Dramatik angesagt, sondern es gibt auch Zeiten, wo alles einfach ganz harmonisch ist. Aber es gibt eben auch diese Phasen, wo alle anpacken müssen und wo man wirklich zusammensteht.

Gibt es eine gemeinsame Bord-Mahlzeit?
Ja, das ist sehr wichtig. Es wird hier sehr gut gekocht vom „Smut“, also dem Schiffskoch. Da legen wir viel Wert drauf. Ebenso auf feste Essenszeiten an Bord, denn wenn man das Schiff 24 Stunden am Tag betreibt und immer wenigstens zwei Leute auf Wache sind, muss das geregelt sein. Beim Essen tauscht man sich aus, hier werden gemeinsame Erlebnisse besprochen und auch verarbeitet.
Teils ist die Crew wochenlang zusammen. Was tun, wenn man mal ein bisschen Zeit für sich braucht? Geht das?

Na ja, bedingt. Man ist natürlich ständig an seinem Arbeitsplatz; und auch, wenn man selbst keine Wache hat, ist man immer Teil des Ganzen und hört, was an Deck passiert. Der einzige wirkliche Rückzugsort ist die Koje: Da kann man seine Türchen zu machen, dann ist man für sich und wird auch nicht gestört. Da kann man lesen, Musik hören, schlafen oder einfach nur grübeln. Aber ansonsten ist man immer in der Gruppe, deshalb gehört schon ein großes Maß an sozialer Kompetenz dazu.
Spielt Seekrankheit eine Rolle?
Es gibt immer welche, die werden am Anfang einer Reise mal seekrank, und dann hört es wieder auf. Es kann jedem passieren, das ist auch nicht schlimm – die Seekrankheit ist kein Makel. Man muss nur lernen, damit umzugehen. Ich habe das große Glück, dass mich das nie erwischt hat.
Haben Sie einen Lieblingsplatz an Bord der „Dagmar Aaen“?

Ich sitze ganz gerne vorne auf dem Vorschiff und höre das Rauschen der Bugwelle. Wenn man dann länger auf hoher See ist, schwimmen oft Delfine vor dem Bug; das hat etwas unheimlich Packendes!
Herr Fuchs, vielen Dank für das Gespräch – und gutes Gelingen für Ihre Expedition.
Weitere Infos rund um den Vortrag am 15. Oktober 2025 von Arved Fuchs bei Nortex finden Sie auf https://nortex.de/event/vortrag-arved-fuchs/ . Karten für die Veranstaltung gibt es für 25 Euro pro Person an der Kundeninfo im Modehaus, Grüner Weg 9-11 in 24539 Neumünster. Geöffnet ist montags bis freitags von 9 bis 19 Uhr, am Samstag von 8.30 bis 19 Uhr.