Nasse Moore fürs Klima

Trockengelegte Moore im Norden stoßen viel C02 aus – die Stiftung Naturschutz will das ändern

Neumünster. Wer raus will in die Natur, den zieht es im Norden gern an den Strand. Oder in den Wald. Vielleicht auch zum Wandern auf die grüne Wiese. Moore hingegen werden meist außer Acht gelassen. Zu Unrecht: In ihrer Abgeschiedenheit lassen sich, mit etwas Geduld, spannende Tiere und Pflanzen am Wegesrand entdecken. Das kann den Alltagsstress vergessen lassen und den Blick wieder frei machen auf das, was wirklich zählt. Beispielsweise den Kampf gegen den Klimawandel – denn hier kommt den Mooren eine besonders wichtige Rolle zu.

Das Dosenmoor bei Neumünster: Einst intensiv bewirtschaftet, betreibt die Stiftung Naturschutz SH hier heute aktiv Wiedervernässung für den Arten- und Klimaschutz. Foto: Nortex

Ein Herbsttag Ende 2023. Es ist bedeckt, Wolken ziehen schnell über den Himmel. Der Wind treibt den Nieselregen seitwärts. Wanderstiefelwetter. Auch Leif Rättig hat welche an: Während einer Tour durch das Dosenmoor, nördlich von Neumünster gelegen, schildert der Experte für Moore von der Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein, welche Tiere und Pflanzen dort leben.

Torfmoose sind das beispielsweise, die auf den Wasserflächen wachsen, absterben, wieder wachsen und so weiter. Es sind unscheinbare Pflanzen – aber sie bilden auf diese Weise Schicht um Schicht die Grundlage für das Hochmoor: etwa einen Millimeter pro Jahr, also einen Meter in tausend Jahren.

Torfmoose bilden die Grundlage für das Moor – sie wachsen pro Jahr bis zu 30 Zentimeter. Aus abgestorbenen Pflanzenteilen entsteht schließlich Torf – jährlich etwa 1 Millimeter. Foto: Nortex

Auch Sonnentau, eine Pflanze, die Insekten in die Falle lockt, und Wollgras sind zu sehen. Es sind allesamt Spezialisten, die sich an die extremen Bedingungen im Moor angepasst haben. „Der Nährstoffgehalt im Boden ist so gering, dass normale Pflanzen hier nicht überleben könnten“, sagt Rättig.

Die Tierwelt hat sich ebenso auf die Kargheit des Moores eingestellt: Blau- und Braunkehlchen leben hier, Kiebitze, Bekassinen, die Sumpfohreule. Die Mosaikjungfer, eine Libellenart, nutzt die offenen Wasserflächen zur Eiablage, der Moorfrosch und die Kreuzotter finden eine ökologische Nische. Allesamt selten gewordene Arten in Schleswig-Holstein. „Das ist auch ein Grund, warum wir Moore renaturieren“, erläutert Rättig: Es gehe nicht nur um den Klimaschutz, sondern daneben um den Schutz der vom Aussterben bedrohten Tierspezies.

Viele Moore im echten Norden

Die Karte enthält alle Moore, Anmoore und Mudden mit einer Mindestflächengröße von 20 ha in Schleswig-Holstein. Grafik: LLUR

Schleswig-Holstein hat rund 130.000 Hektar Moorfläche, rund 9 Prozent des Landes sind das. Doch davon sei über 90 Prozent nicht intakt, so der Fachmann, weil in der Vergangenheit viele Moore stark verändert wurden – durch den Abbau von Torf und durch die Trockenlegung weiter Flächen, um sie für die Landwirtschaft nutzbar zu machen. Hier ist das Dosenmoor exemplarisch, so Rättig: Im großen Stil wurde Torf gestochen, getrocknet und im Winter als Brennmaterial zum Heizen genutzt. Im Dritten Reich wurde die „Moor-Kultivierung“ besonders stark vorangetrieben, es wurden eigens Familien aus Süddeutschland dorthin zwangsumgesiedelt, die die Moore bewirtschaften sollten.

Leif Rättig, Moorexperte von der Stiftung Naturschutz SH, verdeutlicht mit einem Zollstock, wie ein Moor in die Höhe wachsen oder sich absenkt – je nachdem, wie es um seinen Wasserhaushalt steht. Foto: Nortex

In der Folge der Trockenlegung sank der Boden in Moorgebieten oft ab – und tut es bis heute. Im Dosenmoor waren es zuletzt zwei Zentimeter pro Jahr. Das größere Problem aber ist, dass die trockengelegten Moorböden laufend Treibhausgase in die Atmosphäre absondern – allein in Schleswig-Holstein sind das 2,8 Millionen Tonnen pro Jahr. Ähnlich viel C02 wird jährlich vom privaten Autoverkehr in die Luft gepustet. Bei erfolgreicher Wiedervernässung soll dieser Prozess gestoppt werden können.

Von der C02-Quelle zur Senke

„Hier im Hochmoor versuchen wir deshalb, die ‚Badewannen-Situation‘ wiederherstellen: Darin bleibt das Regenwasser, sodass sich wieder Torfmoose bilden können“, schildert der Experte. Um das zu erreichen, müssten vorhandene Entwässerungen, also Drainagen und Gräben, unterbrochen und ein erhöhter Rand geschaffen werden. Letzteres ist zugleich auch als Schutz für benachbarte Flächen gedacht, die nicht mit einbezogen werden sollen.

Je nasser das Moor, desto besser – deshalb werden bauliche Voraussetzungen für eine Wiedervernässung des Dosenmoors vorangetrieben. Foto: Nortex

Je nach Standort kann der Prozess der Wiedervernässung mehrere Jahre bis Jahrzehnte dauern. Der Effekt wäre ungemein positiv – emittieren die Moore bisher viel C02, könnten sie in Zukunft sogar Kohlendioxid aus der Luft im Torf binden. Wie sich die Fläche verhält, hänge vom Zustand des Zustand des Moores ab, macht Rättig deutlich: Ist das Moor nass genug und der Sauerstoffgehalt niedrig, wird C02 über die Torfmoose gebunden. Doch wenn das Moor trockengelegt wird, kann Sauerstoff in den Moorboden eindringen; das sorgt für biologisch-chemische Vorgänge im Torfkörper, durch die ein großer Teil des gespeicherten Kohlenstoffs in die Atmosphäre freigesetzt wird.

Die Wiedervernässung ist teils ein Reizthema für Landwirte. „Wir entziehen damit vorher landwirtschaftlich genutzte Flächen aus der Produktion“, erläutert der Experte. Viele Landwirte hätten zudem die Sorge, dass ihre benachbarten Flächenebenfalls vernässt würden, und befürchteten wirtschaftliche Einbußen. Mit bestehenden Programmen des biologischen Klimaschutzes, mitinitiiert von der Stiftung Naturschutz, und neuen Ansätzen könne es allerdings eine Kompensation geben, so Rättig – auf diese Weise sei durchaus eine „Win-win-Situation“ möglich, und nur dann seien die Projekte auch nachhaltig.

„Wir brauchen jetzt kluge Köpfe“

Landwirtschaftlich genutzte Moorflächen: Leif Rättig fordert effektive und zugleich praxistaugliche Alternativen dazu. Foto: Nortex

„Gleichzeitig muss der Sektor Landwirtschaft seinen Beitrag leisten, den C02-Ausstoß zu minimieren“, fordert er. Ein Großteil der Emissionen in der Landwirtschaft stamme aus landwirtschaftlich genutzten Moorflächen. „Es ist auch eine Chance, zu sagen: Wir sparen einen Großteil unserer C02-Emissionen ein, indem wir hier die Nutzung zurücknehmen.“ Die Landwirte seien heute mehr denn je gefordert, in neuen Betriebsmodellen zu denken, so Rättig. Die Situation der Betriebe sei oft sehr komplex, weil vieles genau aufeinander abgestimmt ist. „Wir brauchen jetzt kluge Köpfe auf allen Seiten, die sich, am besten vom Land koordiniert, zusammensetzen und sich daran machen, effektive und praxistaugliche Alternativen zu entwickeln.“

Hilfreiche Erkenntnisse dafür könnte ein zukunftsweisendes Projekt der Stiftung bieten: In der Nähe von Erfde wird auf der „Klimafarm“ (www.klimafarm.stiftungsland.de) daran geforscht, wie ein wiedervernässtes Moor trotzdem schonend landwirtschaftlich genutzt werden kann. Und nicht zuletzt sind Moore landauf, landab ein – unterschätzter– Erholungsraum für uns Menschen. Auch und gerade für den Moor-Experten Leif Rättig. Was macht für ihn den speziellen Reiz des Moores aus? „Für mich ist es ein Refugium“, sagt er, „ein Rückzugsort, an dem man Ruhe hat. Hier fühle ich eine Verbundenheit und Nähe zur Natur; das erdet mich immer.“