Gesucht: Ein Popstar auf Friesisch

Der Sprachwissenschaftler Robert Kleih darüber, was die friesischsprachigen Menschen im Norden bewegt

Herr Kleih, was ist Ihr Lieblingssatz auf Friesisch?

Robert Kleih: Einen Lieblingssatz habe ich nicht, aber viele Wörter, die mir sehr gut gefallen und über die ich mich immer wieder freue: Zum Beispiel bedeutet „Toilette“ auf Festland-Friesisch „hüüschen“, also Häuschen, auf Föhrer Friesisch „hok“, was Ecke bedeutet, und auf Amrum sagt man „sekreet“. Oder das Wort Ameise – es heißt auf Föhr „mir“, während man auf dem Festland „åntretemåntre“ sagt. Ich mag auch gerne das festland- nordfriesische Wort für Kekse: „Paawertrulinge!“

Wenn Sie lhr Gegenüber mit Friesisch überraschen – wie reagieren die Leute?

Im Grunde spreche ich immer Hochdeutsch mit Leuten, die ich nicht kenne, weil man einfach davon ausgehen muss, dass sie kein Friesisch beherrschen. Kriege ich mit, dass mein Gegenüber Friesisch spricht, spreche ich ihn in der Sprache an – und meist wundern sich die Menschen dann sehr, weil sie meinen, alle zu kennen, die Friesisch können. Dann wird gleich gefragt, woher ich komme und aus welcher Familie, und es entsteht eine unglaubliche Nähe, man ist „einer von uns“.

Sprachwissenschaftler Robert Kleih. Foto: Ferring Stiftung

Wann haben Sie Friesisch gelernt, wie kam es dazu?

Es war ein Zufall! Ich habe die Sprache an der Christian- Albrechts-Universität in Kiel gelernt. Ich studierte dort Skandinavistik und brauchte noch ein zweites Fach. Ein Studienfreund gab mir den Tipp, es mit Friesisch zu probieren. Ich habe es mir angeschaut, und die kleinen, fast schon familiären Kurse gefielen mir sehr gut. So bin ich dabei geblieben.

Ist es schwierig, die Sprache zu lernen?

Ich würde sagen mittelschwer. Wenn man Deutsch und Englisch beherrscht, vielleicht noch eine skandinavische Sprache oder Plattdeutsch dazu, dann ergibt sich vieles und man kann vieles sofort verstehen – man kommt schnell rein, einfach, weil die Sprachen eng miteinander verwandt sind. Aber: die Anwendungsbereiche fehlen häufig. Es ist eher schwierig, mit Friesisch im Alltag in Kontakt zu kommen.

Was unterscheidet Friesisch von anderen Sprachen?

Im frühen Mittelalter waren das Altenglische und Altfriesische einander sehr ähnlich. Später wurden viele altfranzösische Wörter ins Altenglisch aufgenommen; beim Friesischen war das nicht der Fall. Westfriesisch oder „Frysk“ wird heute von rund 400.000 Menschen in den Niederlanden gesprochen. Von Kindesbeinen mit Friesisch aufwachsen Nordfriesisch hat viele plattdeutsche und dänische Elemente; früher gab es hier noch einmal zehn verschiedene Dialekte, die sich untereinander nicht unbedingt verstehen. Und das, linguistisch betrachtet, „echte“ Ostfriesisch wird nur noch in einer kleinen Enklave bei Cloppenburg gesprochen, im Saterland. In Ostfriesland spricht man hingegen ein friesisch eingefärbtes Plattdeutsch. Das ist manchmal schon ein wenig verwirrend… (lacht).

Stirbt das Friesische langsam aus, oder bleibt die Sprache lebendig?

Das ist schwierig zu beurteilen. Was heißt, Friesisch sprechen zu können? Reichen ein paar Sätze oder soll es fließende Rede sein? Auf Sylt ist das Friesische fast vollständig verschwunden; das liegt vor allem an den Hauspreisen, wegen der sich die Menschen, die Friesisch beherrschen, dort nicht ansiedeln können. Sie müssen dann auf das Festland ziehen, und das zerreißt eine so kleine Gemeinschaft. Auf Föhr sieht es noch wesentlich besser aus, gerade auf den Dörfern im Inselwesten: Dort wachsen viele Kinder ganz bewusst mit Friesisch auf. Das ist gut, denn solange Kinder die Sprache sprechen, werden wir nicht erleben, dass sie verschwindet. Das Friesische wird seit 200 Jahren totgesagt, aber Totgesagte leben nun einmal länger (schmunzelt). Es verschwindet nicht, allerdings wird es weniger.

Friesisch ist ein eigenes Schulfach auf Föhr?

Genau. Vielen Eltern ist das sehr wichtig, denn es ist die Sprache ihrer Heimat, der Familien, der Großeltern. Das ist emotional stark besetzt. Sie sagen: Das möchte ich weitergeben an die nächste Generation. So wächst daraus eine Gemeinschaft, die eben auch über die Sprache miteinander verbunden ist: Man gehört dazu, wenn man Friesisch spricht.

Was müsste getan werden, um Sprachen wie Friesisch und Plattdeutsch besser zu fördern?

Es ist wichtig, dass die Sprachen im öffentlichen Raum sichtbar sind, dass sie Angebote machen können und Anerkennung bekommen. Und dass man nicht in eine Art „Ranking“ verfällt, sondern jede Sprache als gleichwertig sieht. Das Plattdeutsche beispielsweise wurde in den 1950er und 1960er Jahren als ungebildete „Bauernsprache“ abgetan: Das stimmt natürlich nicht – man kann auf Platt und Friesisch alles genau so wiedergeben wie im Hochdeutschen! Wichtig wäre, die kleineren Sprachen finanziell besser zu fördern. Ein Beispiel: Wenn die Ferring-Stiftung ein Buch auf Friesisch herausgibt, sind die Produktionskosten wegen der geringen Auflage sehr hoch. Es ist ein Minusgeschäft; wir produzieren nicht aus ökonomischen Gründen, sondern um den Sprechern, die es gibt, ein bestimmtes Thema in dieser Sprache näherzubringen. Hier wäre es sinnvoll, zu unterstützen. Und man könnte Friesisch in noch mehr Kitas und Schulen in Schleswig-Holstein vorstellen – und deutlich machen, dass es ebenso wichtig wie und gleichbedeutend mit Hochdeutsch ist.

Soziale Netzwerke und Apps werden immer wichtiger – gibt es hier Angebote auf Friesisch?

Kaum. So etwas müsste von den Jugendlichen selbst kommen: Sie könnten ja solche Inhalte posten. Aber dort geht es vor allem um eine möglichst große Reichweite – und mit einer Sprache, die maximal 4000 Sprecher hat, erzielt man die nicht. Wir bräuchten Jugendkoordinatoren, die das tun, um den Menschen zu zeigen: Klar geht das! Wir brauchen friesische Vorbilder, Sprach- Influencer oder besser noch Popstars, die die Sprache „cool“ machen. Eine Familie macht drei Wochen Urlaub auf Föhr.

Lassen sich zehn, zwölf Sätze Friesisch lernen in dieser Zeit?

Das wäre super! Wenn man Sprachverständnis mitbringt, könnte man in einem Intensivkurs Friesisch sicherlich gut verstehen und sprechen lernen. Kleine Bücher dazu werden auch gern gekauft. Ich lebe seit Kurzem selbst mit meiner Familie hier auf Föhr. Meine Kinder gehen hier zur Schule und in den Kindergarten, beide lernen dort Friesisch – nun hat mein Sohn mich das erste Mal auf Friesisch begrüßt. Da war er sehr stolz – und ich glücklich.

Der Sprachwissenschaftler Robert Kleih ist 35 Jahre alt, arbeitet für die Ferring Stiftung und lebt mit seiner Frau und zwei Kindern auf Föhr. Die Stiftung wurde 1988 von Frederik Paulsen (1909-1997) gegründet: Als gemeinnützige Stiftung mit Sitz in Alkersum auf Föhr fördert sie nicht nur die Erforschung der friesischen Sprache, Kultur und Historie insbesondere auf den Inseln Föhr und Amrum, sondern auch der Lebensbedingungen im Wattenmeer rundherum. Dazu werden Stipendien und Preise vergeben, Vorträge und Symposien veranstaltet und Veröffentlichungen etwa von Büchern unterstützt. Mehr Infos finden sich auf www.ferring-stiftung.de sowie unter Telefon 04681/741 200.

Zum Bild des Beitrags: Zu sehen ist die Oldsumer Trachtengruppe beim Tanz. Foto: Klaus Ostrowski

Friesisch – Hochdeutsch: ein kleiner Sprachführer

Friesisch ist die traditionelle Sprache auf Föhr. Wer sie lernen möchte, beispielsweise im Urlaub, findet hier ein paar nützliche Sätze aus dem Alltag. Viel Spaß und Wissbegier beim Lesen und Sprechen!

Gud dai – Guten Tag

Ik snaake fering – Ich spreche Friesisch (Fering)

An dü? – Und du?

Hoker beest? – Wer bist du?

Ik wene üüb Feer – Ich wohne auf Föhr

Wat jaft at neis? – Was gibt es Neues?

Hü gungt di det? – Wie geht es dir?

Mi gungt at gud – Mir geht es gut

Ik skal tuwais! – Ich muss los!

Bit maaren – Bis morgen

Adjis – Tschüss