
Schleswig-Holsteins Rotwild ist immer mehr vom Verkehr bedroht: Jäger und Naturschützer starten Kooperation, um Tieren zu helfen.
Schleswig-Holstein. Sie sind ebenso schön wie scheu: Rothirsche und -kühe zählen zu den größten Landtieren in Schleswig-Holstein. In Feld und Wald leben rund 3000 Tiere, darunter die stattlichsten bundesweit, mit rötlichem Fell, mächtigem Geweih und bis zu 300 Kilogramm schwer. Doch es gibt ein Problem: Die einzelnen Rudel sind durch Verkehrswege voneinander isoliert – Inzucht und kranke Tiere sind immer häufiger die Folge.

Wenn im Herbst die Brunftzeit beginnt, dann werden die Hirsche im männlichen Rudel rastlos. Die Rangfolge ist schon ausgemacht, mit Geweih und Vorderläufen; jetzt geht es für die stärksten und geschicktesten Tiere darum, zu den weiblichen Rudeln zu stoßen. „Das machen die Hirsche aus einem inneren Antrieb heraus, um ihre Gene von A nach B zu tragen und die Population auf diese Weise gesund zu halten“, erklärt Wildbiologe und Jäger Frank Zabel vom Landesjagdverband Schleswig-Holstein, kurz LJV-SH.
Aber das können sie immer seltener. Grund dafür ist die Zerschneidung ihres Lebensraums: Vor allem Autobahnen und Bundestraßen wirken wie eine Mauer für die Fluchttiere, die mit einem extrem guten Hör- und Riechsinn ausgestattet sind. „Das gilt besonders für die Region zwischen Hamburg und Lübeck“, so der Experte: „Für das scheue Rotwild ist diese Achse unüberwindbar und macht Schleswig-Holstein praktisch zu einer Art Insel.“

Ihm zufolge ist die Landschaft im echten Norden schon jetzt stark fragmentiert – der weitere Ausbau der Infrastruktur, etwa mit der A20, werde die Situation noch verschlimmern. „Einem blutet das Herz, wenn man bedenkt, dass wir hier 545 Kilometer Autobahn und über 1000 Kilometer Bundestraßen haben – aber nur insgesamt fünf Grünbrücken. Und in die wenigen Lücken setzen wir auch noch Solarparks, Industriegebiete und Rastplätze, zum Beispiel entlang der A7. Das ist eine Schande!“
Mehr Rücksicht fürs Rotwild: Letzte Wanderkorridore schützen
Besonders unsinnig, so der Experte: Bei Brokenlande gebe es eine Wildquerung über die Autobahn, die die Tiere früher auch gut genutzt hätten. Doch dann wurde wenige Meter weiter ein Lkw-Rastplatz gebaut. Ohne Toiletten. „Die Fahrer schneiden regelmäßig Löcher in den Zaun, um sich in der Natur nahe am Fuß der Brücke zu erleichtern“, schildert Frank Zabel. Seither hält der Geruch das empfindliche Rotwild weitestgehend fern von diesem wichtigen Bauwerk.

Rotwild-Hege: Jäger und Naturschützer ziehen an einem Strang
Erst seit 2022 gibt es eine Übersicht darüber, welche Wanderkorridore die Hirsche im Norden überhaupt nutzen. Frank Zabel hat sie, gemeinsam mitvielen anderen ehrenamtlichen Helfern, in geduldiger Arbeit kartiert. Die Informationen dienen nun als Grundlage für den Rotwild-Managementplan, den Jäger und Naturschützer gemeinsam aufgestellt haben.
Das Ziel: „Es geht darum, diese Korridore zu schützen – und sie dort, wo sie verbaut sind, wieder zu öffnen“, erläutert der Wildbiologe. „Daran führt kein Weg vorbei.“ Denn man wisse schon seit den 1990er Jahren, dass der Bestand genetisch verarmt sei. Sichtbar sei das an bestimmten Deformationen im Körperbau der Tiere, beispielsweise an einem verkürzten Unterkiefer oder Kälbern, die ohne Augen geboren wurden.
Online-Petition gestartet

„Wir müssen erst einmal wieder anfangen, Rücksicht auf die Bedürfnisse wildlebender Tiere zu nehmen. Und zwar schon aus purem Eigennutz“, so der Jäger. Ihm zufolge liegt das größte Risiko für das Leben auf der Erde darin, wie gut sich Pflanzen und Tiere an die Bedingungen anpassen können. „Durch die genetische Verarmung sinkt diese Anpassungsfähigkeit bereits. Wenn noch der Klimawandel mit seinen zu trockenen oder zu nassen Jahren dazukommt, ist das ein toxischer Cocktail und eine Bedrohung auch für uns Menschen! Deshalb müssen wir versuchen, diesen Teufelskreislauf zu durchbrechen. Und zwar auch vor unserer Haustür.“

Die Zerschneidung des Lebensraums des Rotwilds müsse schnellstmöglich reduziert oder sogar umgekehrt werden. Frank Zabel schlägt vor, jedes Jahr bis zu fünf Wildbrücken zwischen Nord- und Ostsee zu bauen. Zusammen mit Vertretern des BUND und des Landesverbands für erneuerbare Energien warb er im Kieler Ministerium für sein Herzensprojekt. Dort allerdings sah man keine Handhabe, da Bundesgesetze die Sache regelten. Auf dem Portal www.change.org/lebensraum hat er deshalb eine Petition mit dem Titel „Stoppt die Lebensraum-Zerschneidung“ gestartet. Nun braucht das Projekt 30.000 Unterschriften, damit sich der Bundestag mit dem Thema befassen muss.

Achtsam sein beim Spaziergang
Beim Rothirsch sind alle Sinne erstklassig entwickelt. Etwa der Geruchssinn: Menschliche Witterung können die Tiere teils auf mehrere hundert Meter wahrnehmen. Weil er seine Ohren unabhängig voneinander bewegen kann, ortet der Hirsch auch sehr präzise die Richtung, aus der Geräusche kommen. Werden sie beispielsweise von Wanderern verursacht, die auf den Wegen verbleiben und sich unterhalten, gewöhnen sich die Tiere daran und flüchten nicht unbedingt.
Anstrengend wird es jedoch für sie, wenn Personen querfeldein wandern; dann verbrauchen sie auf der Flucht viel Energie, die sie im Winter eigentlich sparen müssen. Deswegen bitten die Stiftung Naturschutz und der LJV darum, beim Spaziergang im Wald möglichst auf den Wegen zu bleiben und Hunde angeleint zu führen.

Wanderer in Liebe: der „Bargfelder“
Er war deutschlandweit in der Zeitung: Was hat es mit dem „Bargfelder“ auf sich? Der Hirsch aus der Region Jersbek bei Hamburg wanderte 2024 über den Duvenstedter Brook bis in die Segeberger Heide. Das die Route exakt dokumentiert werden konnte, gleicht einer Sensation: Dafür musste das Tier „besendert“, also mit einem Betäubungspfeil betäubt und einem GPS-Sender versehen werden.
„Das war nicht einfach: Rotwild ist die scheueste Schalwildart, die wir in Deutschland haben! Die Tiere sind sehr sensibel, es ist schwer bis fast unmöglich, einen Hirsch überhaupt zu besendern“, schildert Frank Zabel. Gemeinsam mit Marcus Meister von der Stiftung Naturschutz habe es aber doch geklappt. So konnte man die Bewegungen des Hirschs genau verfolgen: In Jersbek fraß er sich Fettreserven an. Dann, Ende August, wanderte er los, gezwungenermaßen über drei Bundestraßen, teils sogar durch Gärten, und bis in die Segeberger Heide. Dort nahm er drei Wochen lang an der Brunft teil – und lief die Strecke anschließend in nur einer Nacht zurück.
„Wir kriegen bis heute Positionsdaten von dem Hirsch“, so Frank Zabel. „Die Stiftung Naturschutz und wir vom LJV-SH engagieren uns aus unterschiedlichen Perspektiven für den Naturschutz. Die Zusammenarbeit in diesem Projekt ist großartig, wir ziehen an einem Strang.“