„Entscheidend ist die Transparenz“

Schleswig-Holsteins Digitalisierungsminister Dirk Schrödter zur KI-Strategie im echten Norden

Kiel. Schon 2019 habe Schleswig-Holstein eine KI-Strategie entwickelt, sagt Dirk Schrödter. Er ist seit 2022 Digitalisierungsminister im echten Norden, außerdem Chef der Staatskanzlei der Landesregierung in Kiel – und setzt sich intensiv für den Ausbau von Künstlicher Intelligenz im Land ein. Warum? Man habe früh das große Potenzial an Produktivitätsvorteilen für die Wirtschaft, die Wissenschaft und die Verwaltung erkannt, so der CDU-Politiker. Bislang sei es vor allem darum gegangen, die KI in der Gesundheitswirtschaft, in der Medizin, bei den erneuerbaren Energien und in der maritimen Wirtschaft voranzubringen – doch mittlerweile gelte für jede Branche und jedes Unternehmen, dass „sie ohne den Einsatz und die Anwendung von KI-Technologien zukünftig nicht wettbewerbsfähig sein werden“.

In einem Modehaus könnten etwa Verwaltungsprozesse durch die Anwendung von KI verbessert werden; bei Design und Auswahl von Bekleidung könnten internationale Trends durch KI-unterstützte Auswertungen möglicherweise schneller erkannt werden, mutmaßt der Minister. „Wenn Vorschläge gemacht werden, wie Schnittmuster entstehen, kann mit Hilfe von Bildverarbeitung viel schneller in Produktzyklen gedacht werden. Die Einsatzfelder sind auch im Bereich der Mode umfassend.“

Schifffahrt, Medizin, Verwaltung: KI soll in vielen Bereichen unterstützen

Der Roboterhund „SPOT“ ist mit einem Sensor und einer Künstlichen Intelligenz aufgerüstet, um bis zu 64 beliebige Gase zeitgleich selbst in geringsten Konzentrationen in der Luft festzustellen und ihre Herkunft zu finden. Für das Projekt stellt das Land Schleswig-Holstein 610.000 Euro zur Verfügung. Foto: Staatskanzlei

Fest steht: Das Land steuert den KI-Ausbau im Norden mit gezielter Förderung. Beispielsweise wird ein Forschungsprojekt unterstützt, bei dem das Kieler Geomar-Institut sowie mehrere Reedereien daran arbeiten, die Navigation von Schiffen zu optimieren, indem für deren Routen bestimmte Strömungslinien in den Meeren ausgenutzt werden. So soll Treibstoff und damit CO2 eingespart werden. Ein anderes Beispiel ist der „OP der Zukunft“ am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, der künstliche Intelligenz mit der robotergestützten Chirurgie verbindet, mit dem Ziel, die Operationstechnik zu verbessern und damit die Behandlung vieler Patienten.

Im Jahr 2024 werde ein besonderer Schwerpunkt auf der Modernisierung der Verwaltung liegen, kündigt Schrödter an: „Eine Verwaltung, die vollständig digitale Prozesse vom Antrag bis zum Bescheid anbietet, bedeutet, dass Dienstleistungen komfortabel und unkompliziert genutzt werden – egal ob Bürger oder Unternehmen, in der Stadt oder auf dem Land.“ Dafür kämen zum Beispiel KI-Sprachmodelle infrage.

Chance oder Risiko?

Sieht er die künstliche Intelligenz eher als Chance oder als Risiko? „Wir haben viel größere Chancen, die wir ergreifen können, als Risiken, die wir sehen“, sagt Schrödter. Mit KI ließen sich komplexe Aufgaben und Prozesse automatisieren und so die Effizienz steigern. „Das ist beispielsweise für Industrieunternehmen wichtig, um mittels Automation Produktivitätsvorteile zu generieren. Unser Lohnniveau stellt international einen Wettbewerbsnachteil dar; aus diesem Grunde ist es wichtig, an anderer Stelle Produktivitätsvorteile zu haben.“ Die KI sei daher eine Riesenchance, den Standort international wettbewerbsfähiger zu machen.

120 Silben pro Minute flüssig lesen können: Das ist das Ziel der KI-Anwendung „Buddy Bo“, die für Erst- und Zweitklässler gedacht ist. Bildungsministerin Karin Prien lässt sich von zwei Schülerinnen die Lese-Trainings-App erklären, die das Land mit 200.000 Euro fördert. Foto: IQSH

„Natürlich sind, mit Blick auf das Verbreiten von Falschnachrichten, Risiken in der Anwendung der Technologie verbunden“, räumt er andererseits ein. Gleichzeitig ließen sich mit KI jedoch auch sogenannte „Deep Fakes“ erkennen – das sei ein Wettlauf. Und was, wenn die Gesellschaft, die Kultur darunter leidet? Wenn künftig niemand mehr auf die Echtheit beispielsweise von Bildern in Zeitungen und sozialen Medien vertrauen kann? Generell finde er es nicht problematisch, wenn Bilder KI-generiert seien, so Schrödter: „Wir müssen aber Klarheit darüber herstellen, ob ein Bild mit KI erstellt wurde. Dann kann sich der Betrachter des Bildes ein eigenes Urteil darüber bilden, ob er das gut findet oder nicht. Entscheidend ist die Transparenz.“ Ihm gehe es darum, die normalen Prinzipien des menschlichen Zusammenlebens auch in Bezug auf KI anzuwenden – mehr an Regulierung brauche es dem Politiker zufolge nicht.

Nimmt die KI unsere Jobs weg?

Fast alle Wirtschaftszweige hätten mit dem Fachkräftemangel zu kämpfen, so Schrödter. „In der Verwaltung verlassen uns in den kommenden zehn Jahren rund 30 Prozent unseres Personals“, schildert er. Es sei klar, dass nicht alle Stellen wiederbesetzt werden könnten – weil die Menschen einfach fehlten. „Deshalb müssen wir alle Möglichkeiten, die uns durch Automation gegeben werden, nutzen und KI-Technologie einsetzen.“ Entsprechende Modelle würden die Qualität von Prozessen in der Verwaltung steigern. Als Beispiel nennt er die Genehmigung von Parkausweisen für Anwohner: Hier lägen alle Informationen vor, um den Prozess automatisiert erfolgen zu lassen – und die Angestellten hätten Zeit, sich auf andere Aufgaben zu konzentrieren, „wo das menschliche Handeln erforderlich ist“.

Gab es Momente, wo der Minister selbst von der KI überrascht wurde? „Als 2022 ChatGPT auf den Markt kam, sah man schon, dass die technische Entwicklung Riesenfortschritte gemacht hat“, antwortet Schrödter. „Mich hat überrascht, wie schnell und gut man inzwischen Texte mit so einem Sprachmodell generieren kann. Und leider auch, wie gut Falschnachrichten und entsprechende Videos geworden sind. Aber genauso hat mich überrascht, wie ein Unternehmen aus Schleswig-Holstein daran arbeitet, solche ‚Fake News‘ zu entdecken, um Schülerinnen und Schülern deutlich zu machen, wie man diese erkennt.“

In fünf Jahren komplett automatisierte Abläufe in der Verwaltung: Unter anderem so stellt sich Schleswig-Holsteins Digitalisierungsminister Dirk Schrödter die künftige Rolle künstlicher Intelligenz im echten Norden vor. Foto: Staatskanzlei

Ein Blick in die Zukunft

Wie mag künstliche Intelligenz den echten Norden binnen fünf Jahren verändert haben? Dazu hat Schrödter eine genau Vorstellung: „In fünf Jahren haben wir durch den flächendeckenden Einsatz von KI-Sprachmodellen vollständig automatisierte Prozessabläufe in unseren Verwaltungen. Im globalen Wettbewerb unterstützt KI unsere Unternehmen in allen Branchen bei der noch stärkeren Automation von Produktionsvorgängen.“