„Eine absolute Sicherheit gibt es nicht“

Zeynep, Ylenia, Antonia: Mehrere Stürme und auch Sturmfluten haben allein Anfang des Jahres den echten Norden heftig durchgerüttelt. Wie groß ist das Risiko, dass die Nordsee bei einer schweren Sturmflut die Deiche durchbricht? Ein Interview mit Dr. Thomas Hirschhäuser vom Landesbetrieb für Küstenschutz.

Schleswig-Holstein. Es war in der Nacht vom 16. auf den 17. Februar 1962: Ein Sturm sorgte damals für eine der schwersten Sturmfluten im vergangenen Jahrhundert in Norddeutschland. Der Orkan hieß ausgerechnet „Vincinette“, also „die Siegreiche“ – er brachte bis zu 340 Menschen in Hamburg den Tod, als die Deiche brachen und die Nordsee ganze Stadtteile verwüstete. Kann sich das angesichts eines steigenden Meeresspiegels wiederholen? Oder sind unsere Deiche stark genug? Was haben wir aus der Katastrophe von damals gelernt? Fragen an Dr. Thomas Hirschhäuser, Geschäftsbereichsleiter beim Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz Schleswig-Holstein, kurz LKN.SH.

Deichbruch im Februar 1962 bei Neuenfelde in Hamburg. Foto: Denkmalschutzamt Hamburg

Herr Hirschhäuser, wie sicher sind die Deiche heute im Vergleich zum Jahr 1962?

Dr. Thomas Hirschhäuser: Die Deiche sind heute viel sicherer als damals. Alle zehn Jahre überprüfen wir mit dem „Generalplan Küstenschutz“, ob die Deiche noch unseren Sicherheitsstandards genügen: Die Höhe der Deichkrone wird eingemessen und das Mittel des Wasserstands neu erfasst, das sich mit dem steigenden Meeresspiegel erhöht. Zudem fließen Daten des Seegangs mit ein. Die Deiche sind sicher, wenn auch bei einer außergewöhnlich schweren Sturmflut weniger als zwei Liter Wasser pro Sekunde und pro laufenden Meter über den Deich schwappen. Denn ein typischer Deichbruch passiert, wenn das überlaufende Wasser den Deich von der hinteren Seite abträgt.

Und wenn es an einer Stelle mehr ist?

Schutz gegen den „Blanken Hans“: Moderne Deiche wie hier in Dagebüll sollen auch schwere Sturmfluten überstehen. Foto: LKN.SH

Dann verstärken wir den Deichabschnitt. Dafür haben wir das Konzept des Klimadeichs entwickelt: Wir erhöhen nicht nur den Deich, sondern verbreitern auch dessen Krone. Hintergrund ist, dass wir heute noch nicht wissen, wie stark der Meeresspiegel ansteigen wird; sollte das schneller und in größerem Ausmaß passieren als erwartet, haben zukünftige Generationen die Möglichkeit, noch eine Art Kappe oben auf die jetzige Deichkrone zu setzen. Zusätzlich wird die Deichböschung seewärts abgeflacht – das führt dazu, dass der Wellenauflauf schwächer wird und der Seegang den Deich nicht so stark angreift.

Vor 60 Jahren, im Februar 1962, kamen bei einer schweren Sturmflut mehr als 300 Menschen in Hamburg ums Leben. Was hat man aus der Katastrophe gelernt?

Es gibt heute eine zentrale Wasserstands-Vorhersage für die Nordsee, Elbmündung und Ostsee vom Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrografie in Hamburg. Darauf greifen wir zurück. Ist der Wasserstand mehr als 2,50 Meter über dem mittleren Tidehochwasser, nennen wir das beispielsweise eine schwere Sturmflut, ab 3,50 Meter sprechen wir von einer sehr schweren Sturmflut. Die Vorhersagen damals hatten nicht die Qualität wie die Prognosen und Messungen heute. Die entscheidende Größe ist die Windstärke und -richtung.

Wie Spielzeug: Die Wucht des Wassers sorgte 1962 für viel menschliches Leid und große Zerstörungen. Foto: Denkmalschutzamt Hamburg

Hätte die Katastrophe mit heutiger Technik verhindert werden können?

Mit einiger Wahrscheinlichkeit schon. Für solche Situationen gibt es heute, anders als früher, ein abgestuftes Alarmmanagement mit klaren Meldewegen und Abläufen. Unser Gefahrenabwehrplan greift ab einem Meter über dem mittleren Tidehochwasser in mehreren Stufen: Die Wasserstandsentwicklung wird kontinuierlich überwacht, steigt der Wasserstand weiter, tritt ein Stab zusammen, dieser kann bei drohender Gefahr sogenannte Deichgänger aktivieren. Diese patroullieren und prüfen an problematischen Stellen, wie nah das Wasser schon an der Deichkrone ist. Bei einem Deichbruch ist der Katastrophenschutz in der Pflicht. Das System funktioniert aber nur dann verlässlich, wenn es eine Routine gibt, deswegen wird das auch geübt.

Wie wahrscheinlich ist es, dass der „Blanke Hans“ die Deiche durchbricht, wenn der Meeresspiegel ansteigt?

Wir orientieren uns an den Prognosen des Weltklimarats, kurz IPCC. Für unsere Planung setzen wir das „8.5-Szenario“: Dabei geht man davon aus, dass der Meeresspiegel bis zum Jahr 2100 zwischen 60 und 110 Zentimetern ansteigen wird. Wir richten unsere Deiche und Hochwasserschutzanlagen auf eine Sturmflut aus, die statistisch gesehen einmal in 200 Jahren stattfindet: Angesetzt wird dafür ein besonders hoher Wasserstand und Wellenauflauf; dazu wird ein Wind angenommen, der stärker ist als jeder jemals gemessene Sturm hier und aus der ungünstigsten Richtung kommt – aus Südwest, West oder Nordwest, je nach Deichregion. Bei einem Klimadeich würde sogar dann nur ein halber Liter Wasser pro Sekunde überlaufen: Das heißt, der Deich ist so gebaut, dass einmal in 200 Jahren eine Flasche Bier über die Krone schwappt – davon wird er noch nicht brechen.“

Schwere Deichschäden nach der Sturmflut im Jahr 1962. Foto: LKN.SH

Könnte es trotzdem zu einem Deichbruch kommen, wenn die Nordsee diese Werte noch übertrifft?

Die Hochwasser-Katastrophe im Ahrtal im Sommer 2021 war ein Ereignis, das statistisch gesehen einmal in 10.000 Jahren auftritt. Bezogen auf unsere Küste kann so etwas natürlich auch in der nächsten Woche hier passieren – das wissen wir nicht. Insofern dürfen wir nie davon ausgehen, dass die Deiche immer halten werden. Eine absolute Sicherheit vor Sturmfluten gibt es nicht. Wenn es zu einer solchen Riesen-Sturmflut kommen sollte, ist der Katastrophenschutz gefragt, um Menschen zu evakuieren. Aber das hatten wir glücklicherweise in den letzten 60 Jahren nicht.

Wie ist die Lage auf den Nordseeinseln und Halligen?

Die Hallig Süderoog bei Ebbe und aus der Vogelpersepktive. Foto: Carsten Steger/Wikipedia

Auf den Inseln wie Amrum und Föhr schützen teils die Dünen vor Sturmfluten. Viele Gebäude sind so hoch gebaut, dass keine Überflutungsgefahr besteht – wenn doch, sind meist Deiche angelegt. Zudem gibt es jedes Jahr Sandaufspülungen, etwa vor Sylt. Die Halligen sollen durch regelmäßige Überflutungen mitwachsen, indem sich vom Meer mitgeführtes Sediment dort ablagert. In den letzten Jahren hat sich aber gezeigt, dass die Halligen nicht so schnell wachsen, wie der Meeresspiegel steigt: Deshalb lässt das Land jetzt die Warften umfangreich verstärken – erste Projekte dazu gibt es auf Hallig Hooge, Langeness und Nordstrandischmoor.

Was passiert mit dem Weltnaturerbe Wattenmeer, wenn der Meeresspiegel steigt?

Das Watt ist nicht nur ein einzigartiger Lebensraum für eine Vielzahl von Tieren und Pflanzen, sondern auch für den Küstenschutz wichtig, weil durch das Watt der Seegang verringert wird. Vermutlich ab Mitte des Jahrhunderts wird es dazu kommen, dass wir auch dort, am Außenrand des Watts, Sand aufspülen. Denn beschleunigt sich der Anstieg des Meeresspiegels, geriete das Gleichgewicht, mit dem Sediment durch das Meer angespült und abgetragen wird, durcheinander.

Das hört sich nach gewaltigen Kosten an…

Für den Küstenschutz gibt es Mittel vom Land, vom Bund sowie von der EU. Klar ist: der menschengemachte Klimawandel führt zu enormen Kosten.

Experten für den Küstenschutz: Eine Auswahl von Mitarbeitenden des Landesbetriebs für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz Schleswig-Holstein. Foto: LKN.SH

Gibt es abseits von den Deichen weitere neuralgische Punkte?

Überall dort, wo wir Deiche haben, ist es technisch relativ einfach, den Küstenschutz zu erhöhen. An den Inseln muss mehr Sand aufgespült werden, auch das lässt sich beherrschen. Die kritischsten Fälle gibt es an der Ostsee, in Flensburg, Lübeck, Kiel und Eckernförde: Die Städte wären schnell und stark betroffen, wenn der Meeresspiegel um einen Meter steigt. Zudem lassen sich technische Maßnahmen dort nicht so schnell umsetzen oder sind baulich nicht erwünscht – beispielsweise, um die Sicht aufs Meer zu erhalten.

Und die Flüsse wie Eider, Stör und Krückau?

Wenn das Eidersperrwerk wegen Sturmflut geschlossen werden muss und von der Binnenseite her mehr Wasser nachfließt als bisher, ist das ein erhebliches Problem. Der LKN.SH erforscht aktuell, wie an diesen Stellen künftig Hochwasserschutz aussehen könnte. Wir bauen modellhaft für die Eider ein Hochwasser-Vorhersagesystem auf. Das Ziel ist, auch durch eine verbesserte Steuerung des Sperrwerks, alles herauszuholen, was geht. Eine Lösung könnten Schotts und Pumpwerke sein, doch die sind extrem teuer. An der Eider gibt es bereits hohe ehemalige Seedeiche. Deshalb wird es, wenn das Sperrwerk geschlossen werden muss, eher an der Treene kritisch: Das Wasser kann dann nicht in die Eider abfließen – und dort sind die Deiche nicht so hoch, das ist ein Problem. Ähnlich ist es an der Stör und im Gebiet rund um Kellinghusen.

Zahlen zum Küstenschutz in Schleswig-Holstein

Schleswig-Holstein, das Land der Küste: 536 Kilometer Ostsee- und 466 Kilometer Nordseeküste hat der echte Norden vorzuweisen. Fast ein Viertel des Landes, rund 3900 Quadratkilometer, zählt zu den überflutungsgefährdeten Küstenniederungen, in denen über 350.000 Menschen leben und Sachwerte in Höhe von 49 Milliarden Euro zu schützen sind. Das ist eine der Aufgaben des Landesbetriebs für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz Schleswig-Holstein, kurz LKN.SH, mit Betriebssitz in Husum. Er wendet jährlich 25 bis 30 Millionen Euro für Neubaumaßnahmen, unter anderem mit 3 bis 5 Kilometern verstärkter Deiche, auf. Der LKN.SH kümmert sich auch um Naturschutz etwa im Wattenmeer und den Hochwasserschutz entlang von Flüssen. Daran arbeiten etwa 725 Mitarbeitende an 28 Standorten, der Jahresumsatz liegt bei rund 110 Millionen Euro.