Ein Haus voller Erinnerungen

Das neue „Jahr100Haus“ in Molfsee zeigt Alltägliches und Besonderes aus dem 20. Jahrhundert 

Molfsee. Eindrucksvoll – und wie gemacht für die Landschaft, in der es steht: Das neue „Jahr100Haus“ im Freilichtmuseum Molfsee bei Kiel ist eröffnet. In zwei enormen, rostroten Stahlbauten, die durch einen verglasten Innenhof miteinander verbunden sind, können die Schleswig-Holsteiner und alle Gäste künftig in einer Dauerausstellung entdecken, was Land und Leute im vergangenen 20. Jahrhundert bewegte.

Zum Inventar des Museums gehören auch zahlreiche „Klick-Fernseher“: Hier
probiert der Leitende Direktor Claus von Carnap-Bornheim das Spiezeug aus,
in dem authentische Motive von damals zu sehen sind. Foto: Nortex

„Wir haben hier einen riesigen musealen Sprung hingekriegt“, sagt Claus von Carnap- Bornheim, der Leitende Direktor der Stiftung Schleswig- Holsteinische Landesmuseen. Er ist auf dem Foto oben ganz links zu sehen; gemeinsam mit ihm eröffnete Dr. Babette Tewes, Guido Wendt und Dr. Wolfgang Rüther (v.l.) das „Jahr100Haus“ im Freilichtmuseum Molfsee.

Mit dem Neubau sei nicht nur ein modernes Gebäude für die Dauerausstellung, sondern auch ein barrierefreies Empfangshaus mit hoher Service-Qualität entstanden. „Das ist ein wichtiger Baustein für das Gesamtkonzept unserer schleswigholsteinischen Museumslandschaft.“

Roter Strandanzug: Mit kuriosen Ausstellungsstücken
zeigt das neue Museum in Molfsee, was im 20. Jahrhundert
das Leben der Schleswig-Holsteiner prägte. Foto: Nortex

Drinnen: ein roter, altmodischer Badeanzug aus Baumwolle, mit Hosenbeinen und Rüschen. Eine opulente, mit silbernen Intarsien verzierte Ladenkasse. Ein „Schuh-Durchleuchtungsgerät“ und ein durchdesignter Kinderwagen von anno dazumal. Die Fackel, mit der das olympische Feuer 1972 von München nach Kiel getragen wurde: Es ist ein Sammelsurium von 350 Exponaten, das in der neuen Ausstellung präsentiert wird. Hier kommen die kleinen und großen Gegenstände wieder zum Vorschein, die in einer Zeitspanne von gut hundert Jahren das Leben und Gefühl der Schleswig-Holsteiner prägten – und mit denen bis heute viele Erinnerungen an früher verbunden sind.

Kuriose Dinge, die den Alltag prägten

Die geballte Vielfalt an kuriosen Dingen des Alltags ist mit Sachverstand verteilt – auf rund 920 Quadratmetern Fläche findet alles im Souterrain des Museums seinen Platz, aufgeteilt in sechs Themenbereiche. Auf den Tag genau vier Jahre dauerten die Bauarbeiten, um den Entwurf des Lübecker Architekturbüros „ppp architekten“ umzusetzen.

Tragwerk und Innenfassade in einem: Die Hallen des Museum-Neubaus
bieten auch von innen eine beeindruckende Kulisse. Der First bietet einen
verglasten Lichteinlass. Foto: Nortex

Jetzt ist das „Jahr- 100Haus“ mit einer Fläche von insgesamt knapp 3000 Quadratmetern, schöner Holzbalken-Decke und einer rostroten Fassade aus Stahl fertig – für insgesamt rund 14,1 Millionen Euro. Davon trägt das Land Schleswig- Holstein 12,5 Millionen Euro, der Rest stammt aus Eigenmitteln der Stiftung sowie Spenden von Unternehmen und Bürgern. 

Bevor die eigentliche Ausstellung beginnt, wird der Besucher mit einer Flut von Bildern und Geräuschen eingestimmt. Ländlich wirkt das, wenn die Schafsherde durch den Hohlweg zieht. Robust, wenn auf der Schiffswerft gehämmert, gebohrt und gesägt wird. Voller Hingabe, wenn Poetry-Slammerin Mona Harry eine Hymne auf das Land reimt; und ein wenig selbstironisch, wenn ein Postbote mit gelbem Büddel auf dem Rücken durchs Watt läuft und läuft.

Ein Panoptikum des Alltags

Dann ist der Weg frei, um die sechs Themenwelten zu entdecken. „Es sind Bereiche, mit denen sich auch heute jeder Schleswig-Holsteiner beschäftigt – jeden Tag“, sagt die leitende Kuratorin, Babette Tewes. So geht es im ersten Bereich um Rhythmus. Hier demonstriert ein Melkschemel, was in alter Zeit einen gewohnten Tagesbeginn bedeutete. Im frühen 20. Jahrhundert fand schließlich der Strom seinen Weg in die Dörfer: „Das hatte große Auswirkungen auf den Alltag der Menschen“, so Tewes.

Molfsee künftig ganzjährig geöffnet

Mobilität gab’s auch schon früher: Ein Kinderwagen von anno dazumal gehört auch zur Ausstellung in Molfsee. Foto: Nortex

Dann geht es um Mobilität. Welche Routen im Land waren seit alters her wichtig und welche neu? Eine Zapfsäule von Boie fällt sofort ins Auge – bis in die 1970er Jahre gehörte sie vielerorts zu Tankstellen im Norden. Nebenan steht ein Schlitten. Er hat nicht nur Kufen, sondern auch Räder. Warum? Neben dem Ausstellungsstück ist die Geschichte notiert: Der Roll- Schlitten wurde in großer Not auf der Flucht aus Ostpreußen 1945 umgebaut – und diente als Transportmittel auf dem Weg von Berlin bis nach Kiel.

Haben und mehr haben: Was und wie konsumierten die Menschen früher im echten Norden? Foto: Nortex

Laut Wolfgang Rüther, Direktor des Freilichtmuseums, wurde die Ausstellung bewusst darauf ausgerichtet, neue Besuchergruppen zu interessieren – neben den Menschen aus dem ländlichen Raum zielt das Konzept auf ein urbanes Publikum aus Städten wie Kiel, Lübeck und Flensburg. Künftig, so Rüther, soll das Areal über das ganze Jahr hinweg geöffnet sein; er stellte wechselnde Winterausstellungen in Aussicht.

Auch der Chef hat etwas Persönliches beigesteuert

Die Exponate werden ohne Glashaube direkt präsentiert, ein Medientisch, Film-, Spiel- und Hörstationen sowie ein eGuide gehören dazu. Im Vorwege der Ausstellung gab es Aufrufe, etwas Persönliches beizusteuern. Dem folgte Claus von Carnap-Bornheim: Er spendierte zwei Postkarten, die im Themenbereich Kommunikation zu sehen sind. Auch in einem benutzbaren Spielzeug-Klick-Fernseher ist er zu sehen, auf dem Sofa und im Kreis der Familie.

Chefkuratorin Dr. Babette Tewes probiert eine der Mitmach-
Stationen der neuen Volkskunde-Ausstellung aus. Foto: Nortex

Ein altes Kassettendeck hingegen ist der Favorit von Babette Tewes: „Die Menschen aus meiner Generation haben dazu sofort Bilder im Kopf“, sagt sie. Und schildert, wie ihr Freundeskreis in den 1980er Jahren gegenseitig Mixtapes auf Kassette aufgenommen habe. „Genau darum geht es: Menschen dazu bringen, sich an Früher zu erinnern und sich darüber miteinander auszutauschen.“

Mehr Infos sind auf www. freilichtmuseum-sh.de sowie unter Telefon 0431/659 66 22 verfügbar. Wer die Schau besuchen möchte, muss sich dazu auf https://landesmuseensh. ticketfritz.de/ anmelden.

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