Der Garten: Balsam für die Seele

Mehr Vielfalt, mehr Harmonie, mehr Gemüse: Das sind die Trends in Schleswig-Holsteins privaten Gärten

Neumünster/Kellinghusen. Bei der Aktion „Offener Garten“ gehört das Fachsimpeln vor Ort unter den Gartenliebhabern unbedingt dazu. Es geht darum, Erfahrungen auszutauschen, auch darum, sich gegenseitig mit Pflanzenablegern auszuhelfen – auf diese Weise können neue Blumen, Büsche, Sträucher und Bäume preiswert angepflanzt und verbreitet werden.

Die sibirische Schwertlilie, „Iris sibirica“, blüht im Garten von Sieglinde Thormählen in Kellinghusen. Foto: Nortex

„Das Ganze sorgt für Vielfalt. Das ist ein wichtiger Schwerpunkt der Aktion“, erläutert Maike Heinatz, die das Projekt mit anderen Frauen gemeinsam koordiniert. Ob Jung oder Alt – viele Menschen in Schleswig-Holstein mache es Sorgen, dass es etwa den Bienen im Norden nicht gut geht und die Artenvielfalt schwindet. „Und viele wollen etwas dagegen tun, indem sie helfen, die Biodiversität zu erhöhen.“

Ebenso ein Rhododendron mit prächtiger pinker Blüte. Foto: Nortex

Das sei als Trend sehr erfreulich, schmunzelt sie – ebenso wie die Tatsache, dass die Wertschätzung für Gärten insgesamt gewachsen ist. Angesagt sei aktuell außerdem die „Outdoor-Küche“, also eine Küche unter freiem Himmel. Dazu passt ein weiterer Trend, den Maike Heinatz nennt: „Der Gemüseanbau kommt zurück – immer mehr auch junge Leute interessieren sich dafür, Gurken, Karotten, Salat, Kartoffeln und Co anzupflanzen, ebenso wie auch Kräutergärten beliebt sind. Das beobachten wir seit einigen Jahren.“

Den Garten mit allen Sinnen genießen: Sieglinde Thormählen nimmt seit mehreren Jahren an der Aktion „Offener Garten“ teil. Foto: Nortex

Artenvielfalt – wichtig. Gemüse – schön und gut. Aber was macht einen gelungenen, stilvollen Garten aus? Wann entsteht Harmonie? „Bei meiner Gartengestaltung gucke ich mir den Menschen an, für den ich das Grundstück gestalte“, erläutert die Expertin. Der Garten müsse zu den Menschen, die in ihm lebten, passen; darüber hinaus sei es wichtig, dass verschiedene Gartenräume mit der richtigen Balance aus Intimität und Offenheit entstehen. „Wenn man sich darin aufhält und das Gefühl entsteht: ‚Ja, hier bin ich gern‘, dann passt es.“

So klappt entspanntes Gärtnern

Auch ein kleiner Wasserlauf gehört zum Areal dazu – er sorgt, wie auch ein Mini-Wald, für ein spezielles Mikroklima. Foto: Nortex

Zu erreichen ist das bei kleinen Gärten, indem nicht ringsum ein Sichtschutz, auch kein grüner, alles „zumauert“. Es gehe vielmehr darum, Sichtschutz und Durchlässiges geschickt zu kombinieren, so Maike Heinatz. Kurz: auch hier zählt Vielfalt, durch sie entfaltet der Garten erst seine ganze Idylle. Wichtig sei auch die Wahl des richtigen Standorts für die jeweilige Pflanze: Jede braucht den richtigen Boden und das passende Kleinklima. „Dann muss ich als Gärtner nicht ständig aktiv werden, sondern kann mich auch mal entspannt zurücklehnen und den Garten genießen.“

Foto: Nortex

So läuft es beispielsweise im Garten von Sieglinde Thormählen aus Kellinghusen. Hier ist ein kleiner Waldbereich in den Garten einbezogen – die Bäume sorgen für ein anderes Mikroklima als auf der angrenzenden Rasenfläche oder am Teich. Je nachdem kann der Mensch leicht unterschiedliche Gerüche, Geräusche und Bilder von Tieren und Pflanzen wahrnehmen – wahres Balsam für die Seele.

Mit dem Apfelbaum in ihrem Garten verbindet Sieglinde Thormählen Erinnerungen an die Kindheit. Foto: Nortex

Fremde im eigenen Garten – was ist das für ein Gefühl?

„Ich habe verschiedene Plätze, an denen es ruhig und schattig ist, zum Beispiel auf der Gartenbank, die völlig von einer Korkenzieherhasel umwachsen ist“, schildert Sieglinde Thormählen. Die Kellinghusenerin macht seit einiger Zeit bei der Aktion „Offener Garten“ mit. Wie sich das anfühlt, Fremde im eigenen Garten zu haben? „Man ist erst einmal etwas nervös und fragt sich: ‚Kriege ich das hin?‘“, erinnert sie sich. Doch nachdem der erste Besucher sich den Garten angesehen und gelobt hatte, war der Bann gebrochen. „Das war ein erlösendes Gefühl.“

Geflügeltes Schweinchen trifft auf…

Dann ging es Schlag auf Schlag, es kamen immer wieder Besucher. „Am Ende war ich so stolz, es hat einfach Spaß gemacht“, sagt sie mit einem Schmunzeln. Manche Gäste, schildert sie, hätten vergnügt gemeint: „Oh, hier steht ja auch Unkraut, wie bei mir zu Hause“ – das sei eine Erleichterung für sie gewesen.

… knorrigen Troll: Niedliche Details werten den Garten auf und geben ihm eine unverwechselbare Prägung. Fotos: Nortex

Besonders im Gedächtnis bleibt ihr der Kommentar eines einzelnen Besuchers, dem ihr Garten gut gefiel. Er sagte: „Ich gehe mit ein wenig Ehrfurcht hier durch, denn es ist ja eigentlich ein fremder Garten, den Sie öffnen. Das ist etwas Besonderes“. Gerade das mache den Reiz der Aktion für sie aus, so Sieglinde Thormählen.

Bloß kein ‚durchgestylter‘ Garten – alles bleibt im Wandel

Muskateller-Salbei – ein Magnet für Insekten. Foto: Kurt Stueber / Wikipedia

Es komme nicht darauf an, einen „völlig durchgestylten“ Garten zu präsentieren. Schließlich wachse er ständig, verändere sich immer wieder, so die Gartenbesitzerin. „Ebenso wie man selbst: Was man vorher als harmonisch gefunden hat, kann plötzlich weniger schön sein. Einmal anlegen und so bleibt es die nächsten 30 Jahre – so ist es nicht.“ Durch Ausprobieren und Empfinden ergebe sich eine gewisse Harmonie. Ihr derzeitiger Favorit: Ein Muskateller-Salbei, eine zweijährige Staude, die im zweiten Jahr bis zu anderthalb Meter hoch wächst und wunderbar blüht. „Die liebe ich über alles: Ein Magnet für Schmetterlinge und andere Insekten, die sich herrlich beobachten lassen.“

Übrigens: Wer sich mit dem Gedanken trägt, den eigenen Garten im kommenden Jahr ebenfalls für Besucher zu öffnen, ist herzlich willkommen. „Wir freuen uns auf neue Gärten – wenn Sie unsicher sind, sprechen Sie uns an“, schreibt das Organisationsteam dazu auf der Internetseite der Aktion, www.offenergarten.de. Per Telefon ist ein Kontakt unter der Nummer 0151/56 00 17 12 möglich.