Als Udo Lindenberg (fast) auf einem Bullen ritt

Interaktiver Vortrag mit Musik, Technik und regionaler Geschichte: Jüngster Themenmittwoch bei Nortex begeistert das Publikum

Nortorf. Da lebte die Zeit, als Musik noch von der Schallplatte kam, wieder auf: Lutz Bertram und Dr. Thomas Perkuhn legten vor Kurzem alte Schlager und Evergreens von Lale Andersen, Cindy und Bert sowie vielen anderen bei Nortex auf – und verknüpften die Musik mit einem spannenden Vortrag rund um die frühere Schallplattenproduktion in Nortorf. Musikgeschichte aus der Region zum Hören und Anfassen? Das kam gut an: Rund 100 Besucher waren vom lebhaften „Themenmittwoch“ im Modehaus begeistert.

Legten Platten aus den 1950er bis 1970er Jahren auf: Lutz Bertram und Dr. Thomas Perkuhn (v.l.) präsentierten am Nortex-Themenmittwoch viele „Zeitzeugen“ rund um die ehemalige Schallplatten-Herstellung in Nortorf. Foto: Nortex

Bertram und Perkuhn engagieren sich mit viel Herzblut und Fachwissen im Förderverein des Deutschen Schallplattenmuseums, das Ende 2022 im damaligen Kesselhaus des Werks eröffnet wurde. Bei Nortex ließen die beiden Experten dessen Geschichte Revue passieren. Die startete 1948, nur drei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, mit einem Provisorium: Auf einer umgebauten Lederpresse des Fabrikanten Köster wurden die ersten Vinyl-Schallplatten gepresst.

Schon 1950 die millionste Platte

Die neuen Scheiben ersetzten nach und nach die bisherigen Tonträger aus Schellack, auf denen weitaus weniger Musik gespeichert werden konnte. Doch ob Schellack oder Vinyl, das Prinzip bleibt dasselbe: die Nadel läuft in einer Rille, wird dadurch bewegt und gibt die Impulse, elektrisch verstärkt, wieder. Auf den Plattenspielern wurden Scheiben aus Metall, Schellack und schließlich Vinyl abgespielt.

1950 wurde die Produktion unter dem Namen „Teldec“, einer Zusammensetzung der Namen Telefunken und Decca, erfolgreich fortgeführt. „Schon 1950 wurde die einmillionste Schallplatte gepresst“, so Bertram. 1973 waren es schon knapp 30 Millionen Tonträger; zwischen 1500 bis 1800 Platten schaffte eine Arbeiterin in einer Acht-Stunden-Schicht.

Foto: Nortex

Von Lindenberg, Maffay und den Stones

So kam die Musik von Bands und Solokünstlern wie den Rolling Stones, Udo Lindenberg und Peter Maffay auf die Platte und bundesweit in den Verkauf. Dazu zeigte Perkuhn ein Foto von Lindenberg, das den bis heute aktiven und prominenten Sänger als jungen Künstler mit einem Rind zeigt. Entgegen den Gerüchten sei er aber nicht wirklich auf einem Bullen geritten, so Bertram.

Foto: Nortex

Um die Musik aus dieser Ära wieder in Erinnerung zu rufen, luden Bertram und Perkuhn zu einem Schlagerrätsel mit Musik aus den 1950er bis 1970er Jahren ein. Und schon klang Musik von einer Platte aus dem Trichter eines Grammofons, laut genug für den weiträumigen Saal im Café-Bistro. Gespielt wurde zum Beispiel „Souvenirs“ von Bill Ramsey und „Arrividerci Roma“ von Lys Assia, auch Musik von „Mr. Pumpernickel“ Chris Howland sowie Cindy & Bert. Erstaunlich: Selbst 70 Jahre alte Hits wurden von vielen Zuhörerinnen und Zuhörern im Publikum treffsicher erkannt!

Foto: Nortex

Mit der CD kam das Aus

Ab 1974 kamen im Nortorfer Werk Pressautomaten zum Einsatz, mit denen erheblich mehr Platten gepresst werden konnten. 1978 betrug die Jahresproduktion 33 Millionen Stück, täglich entstanden 100.000 Langspiel- und 65.000 Single-Platten. Doch mit dem Aufkommen der Compact Disc, kurz der CD, war das Aus der LP scheinbar besiegelt: 1989 wurde die Produktion in Nortorf eingestellt.

Bis dahin sind insgesamt rund 850 Millionen Schallplatten in dem Teldec-Werk hergestellt worden. „Aneinandergereiht ergäbe das eine Strecke, die ungefähr 6,5 Mal amÄquator um die Erde reichen würde“, schmunzelte Perkuhn. 2013 wurde schließlich ein Großteil der Gebäude der ehemaligen Fabrik abgerissen – mit Ausnahme eben des Kesselhauses, in dem nun das Museum eingerichtet ist.

Viel Interaktion: Beim Musikquiz machte das Publikum begeistert mit. Foto: Nortex

Begeistert von Quiz und Co

Wie fand das Publikum den Vortrag? „Es war wunderbar und hat uns sehr gefallen“, sagen Klaus und Ingrid Ducht aus Neumünster. Zuhause hätten sie ebenfalls noch einen Plattenspieler samt vieler Platten, „aber wir hören die nur noch sehr selten“, so das Ehepaar. Christian Zimmermann aus Bad Schwartau, der ein Faible für Grammophone und Phonographen und viele solche Geräte gesammelt hat, freute sich über den Vortrag – ebenso wie über das rege Interesse des Publikums. Er lobte das Modehaus für sein besonderes Konzept und besonders für die „schöne und gelungene Veranstaltung“. Auch Peter Walther, der in Kaltenkirchen lebt und seit Langem ein ausgemachter Schallplatten-Fan ist, genoss den „interessanten und lebhaften“ Vortrag samt Quiz und Musik von der Platte.

Info-Box

Das Deutsche Schallplattenmuseum in Nortorf Die „Teldec“ war seit den 1950er Jahren größter Arbeitgeber in Nortorf und stellte binnen rund 40 Jahren etwa 850 Millionen Schallplatten her; 1989 stellte der Betrieb die Produktion ein. Am 1. Oktober 2022 wurde im früheren Kesselhaus das Deutsche Schallplattenmuseum in Nortorf eröffnet. Möglich gemacht hat das der Förderverein Museum Nortorf: Neben der Liebe zur Musik verbindet das ehrenamtliche Team die Leidenschaft für die spannende Entwicklung der Tonträger, speziell der Schallplatte. Deren „beschwingte“ Kulturgeschichte wird den Besuchern heute spannend und interaktiv präsentiert. Hauptziel ist es, das Genießen von Musik auf der Schallplatte lebendig zu halten – und Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene dafür zu interessieren, die diese Epoche nicht miterlebt haben. Mehr Infos finden sich im Internet auf www. museum-nortorf.de sowie unter Telefon 04392/40 85 89.