Als die Musik von der Platte kam

Zu Besuch im Deutschen Schallplattenmuseum in Nortorf

Nortorf. „We will, we will rock you“ singt Freddie Mercury. Dann kommt die markige E-Gitarre von Brian May dazu, und schon erfüllt die Hymne der Rockband „Queen“ den Raum. Das Stück entstand schon 1977 – und bleibt seit 46 Jahren ein mitreißender Song, der weltweit noch immer viele Fans begeistert und prägt.

Hippes Design eines „HiFi-Möbels“, ausgestellt im Deutschen Schallplattenmuseum in Nortorf: Musikgenuss lässt sich meist auch mit Stil und Ästehtik verknüpfen. Foto: Nortex

Natürlich fehlen Klassiker wie dieser nicht in der Sammlung des Deutschen Schallplattenmuseums Nortorf. Als Vinylplatte werden hier zigtausende Musikalben noch viele Jahrzehnte mühelos überdauern. Aber darum geht es gar nicht vorrangig: Wichtig ist den Menschen, die das Museum im Oktober 2022 ins Leben gerufen haben, das Genießen von Musik auf der Schallplatte lebendig zu halten – und auch Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene dafür zu interessieren, die diese Epoche nicht selbst miterlebt haben.

Denn die Art und Weise, wie wir Musik konsumieren, verändert sich dauernd. Das wird bei einem Rundgang durch die Ausstellung mit Lutz Bertram und Dr. Thomas Perkuhn, die sich im Förderverein des Museums mit viel Herzblut engagieren, schnell klar: Mit dem 1877 vom Amerikaner Thomas Alva Edison erfundenen Phonografen wurde das Kinderlied „Mary had a little Lamb“ aufgenommen, eine der ersten Tonaufzeichnungen überhaupt. In den Jahrzehnten darauf wurden das Grammofon und der Plattenspieler stetig weiterentwickelt, ihre Technik immer ausgeklügelter.

Ein Grammofon mit vierbeinigem Zuhörer: Im Deutschen Schallplattenmuseum wird die Geschichte der Konservierung und Produktion von Musik anschaulich und unterhaltsam erzählt. Bei Führungen können die Besucher Tonbeispiele von Schellack- und Vinylplatten aus verschiedenen Epochen hören. Foto: Nortex

Seit 1948 gibt es Platten aus Vinyl

Ab 1948 wurde Vinyl genutzt, um die Platten zu fertigen. Im Gegensatz zur Schellackplatte konnte auf dem neuen –und bis heute gebräuchlichen Material weitaus mehr Musik aufgenommen und abgespielt werden. Doch ob Schellack oder Vinyl, das Prinzip bleibt dasselbe: die Nadel läuft in einer Rille, wird dadurch bewegt und gibt die Impulse, elektrisch verstärkt, wieder. Auf den Geräten wurden Schallplatten aus Metall, Schellack und schließlich Vinyl abgespielt. In den 1960er Jahren kam die Musikkassette, in den 1990ern schließlich die CD, die die früheren Medien fast komplett ablöste – bis auf eine kleine Fangemeinschaft, die der Schallplatte die Treue hielt. Heute hat das „Streamen“, also das Abspielen von Medien aus dem Internet, wiederum die CD in vielen Haushalten verdrängt.

Ein Batzen Vinyl auf der Presse – daraus entsteht während des Pressvorgangs mit viel Dampf und Druck eine feingerillte Schallplatte. Foto: Nortex

Mit der Ausstellung im Nortorfer Schallplattenmuseum wollen die Macher an die Epoche der Schallplatte erinnern – und zugleich an die Geschichte ihrer Produktion direkt vor Ort zu erinnern. Denn die „Teldec“, so hieß das Unternehmen, hat über Jahrzehnte als größter Arbeitgeber den Ort mitgeprägt. Im Museum, das im früheren Kesselhaus entstanden ist, wird gezeigt, wie der Arbeitsplatz einer Angestellten an der „Plattenpresse“ damals typischerweise aussah – bei der Herstellung wurde ein Batzen Vinylmasse in die Presse gelegt und dann anhand einer Matrize, viel heißem Dampf und vielen Tonnen Druck mit den feinen Rillen versehen, von denen später die Musik wieder abgespielt werden konnte.

Das Pensum eines Arbeitstages an der Schallplattenpresse. Foto: Nortex

Die Kombination von Musik, Technik und lokaler Geschichte fasziniere viele Besucher, es gebe ein reges Interesse, sagt Lutz Bertram. Hier kann man Musikgeschichte direkt hören und auch anfassen. Das kommt bei den Gästen gut an. Musik, Technik, Geschichte der Teldec. Was hatte die Fabrik für eine Bedeutung für einen Ort wie Nortorf? Und wenn die Bekanntheit des Museums noch steige, würden auch noch mehr Besucher ankommen, davon geht Bertram aus.

Gäste sogar aus New York und Südkorea

Fundus für Musik und Kulturfans: Im Archiv des Museums lagern rund 180.000 Schallplatten. Foto: Nortex

Das junge Museum ziehe schon jetzt viele Interessierte von außerhalb an, fügt Thomas Perkuhn hinzu. „Wir hatten sogar schon Gäste aus New York City und Südkorea hier, die kommen eigens wegen des Museums.“ Im ersten Jahr habe der Verein mit rund 5000 Besuchern gerechnet. Jetzt, im August, sei man schon bei 9000 Gästen – ein Zeichen, dass das Konzept des Museums aufgeht: Die Ausstellung soll ein möglichst breites Publikum ansprechen, von Jung bis Alt, und auch Kinder und Jugendliche mit Plattenspielern und Schallplatten vertraut machen. Wie reagieren die darauf, dass Musik physisch und direkt vor der Nase entsteht, ohne Internet, WLan und Co? „Viele sind sehr erstaunt, dass das funktioniert“, sagt Thomas Perkuhn.

Im Schallplattenmuseum finden öfters Veranstaltungen rund um Musik udn Kultur statt. Foto: Nortex

Das Deutsche Schallplattenmuseum in Nortorf

Die „Teldec“ war seit den 1950er Jahren größter Arbeitgeber in Nortorf und stellte binnen rund 40 Jahren etwa 850 Millionen Schallplatten her; 1989 stellte der Betrieb die Produktion ein. Am 1. Oktober 2022 wurde im früheren Kesselhaus das Deutsche Schallplattenmuseum in Nortorf am 1. Oktober 2022 eröffnet. Möglich gemacht hat das der Förderverein Museum Nortorf: Neben der Liebe zur Musik verbindet das ehrenamtliche Team des Vereins die Leidenschaft für die spannende Entwicklung der Tonträger, speziell der Schallplatte. Diese „beschwingte“ Kulturgeschichte wird den Besuchern heute spannend und interaktiv präsentiert. Mehr Infos finden sich im Internet auf www.museum-nortorf.de sowie unter Telefon 04392/40 85 89.